Wien (pte/11.03.2010/17:25) - Trotz des offiziellen Beginns des Europäischen Hochschulraums existiert noch keine europäische Identität im Universitätsbereich. Zu diesem Schluss kamen Vertreter der European University Association EUA http://www.eua.be heute, Donnerstag, in einem Pressegespräch an der Universität Wien. Anlass dazu gab die Präsentation der Zwischenbilanz des vor zehn Jahren gestartete Bologna-Prozesses, dessen Ziel die Etablierung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens ist.
Der Bologna-Reformprozess ist vielerorts mit starker Kritik konfrontiert. 58 Prozent der Unis sehen die Realisierung des europäischen Hochschulraumes als "sehr positiv", 38 Prozent berichten allerdings von "gemischten" Ergebnissen. Das zeigt der Trendreport, dem Umfragen an über 800 Hochschulen und deren nationalen Verbänden zugrunde liegen. Die Bologna-Instrumente sind mittlerweile zwar fast flächendeckend verankert - 95 Prozent aller Hochschulen verwenden das dreizyklische System Bachelor - Master - Doktor, 90 Prozent die ECTS-Leistungspunkte. Die Akzeptanz dieser Instrumente lässt jedoch zu wünschen übrig.
Baccalaureus nicht akzeptiert
Wenig Anklang findet etwa der Bachelor-Titel, berichtet Georg Winkler, Rektor der Uni Wien und EUA-Präsident bis 2009. "Studierende sehen im Bakk-Abschluss keinen Vorteil für ihre Karriere. Sichtbar wird das, da 80 Prozent unmittelbar danach ein Masterstudium folgen lassen." Die Report-Autorin Andree Sursock pocht auf die bessere Akzeptanz des Bachelor-Modells in Ländern, in denen es schon vor der Bologna-Erklärung verbreitet war. "Kulturell bedingte Vorbehalte müssen überwunden werden. Der Wechsel vom Studium in die Arbeitswelt wird sich für Studenten und Arbeitgeber grundlegend ändern. Letztere müssen etwa gezielteres Einstiegstraining liefern."
Das Hochschulwesen verstehe die Gesellschaft noch nicht ausreichend, so Winkler auf pressetext-Anfrage. "In Österreich gab es mit dem 'Diplomkaufmann' bereits einmal ein Studienprogramm, das bis in die 60er-Jahre dreijährig war und dann auf vier Jahre ausgeweitet wurde. Die Wirtschaft hat damals die Umstellung akzeptiert - im Gegensatz zur jetzigen Situation." Bessere Akzeptanz könnte der Bachelor-Titel erhalten, wenn bestimmte Institutionen signalgebend vorausgingen, wofür Winkler den öffentlichen Sektor, speziell den Grundschulbereich, als Beispiel nennt.
Nur Übersee-Länder sehen einen Hochschulraum
Der mit 2010 angesetzte Beginn des Europäischen Hochschulraums entbehrt bisher noch einer gemeinsamen europäischen Identität der Universitäten, so die Experten unisono. "Das Nationalbewusstsein ist weiter vorherrschend", so Sursock. Für EUA-Gründungspräsident Eric Froment wird diese Identität nur aus der Außenperspektive wahrgenommen. "Aus den USA oder Australien betrachtet man Europa, als hätte es ein Hochschulwesen mit einem gemeinsamen Verständnis. Man hat wahrgenommen, dass sich etwas getan hat."
Am ehesten habe das schon vor Bologna gestartete Erasmus-Austauschprogramm diesen Beitrag zur Identität geleistet. "Allerdings scheint es, als ob das Kurzstudium die Mobilität erschwert. Die Anrechnungen erfordern viel Bürokratie, die Lehrinhalte sind oft zuwenig kompatibel", analysiert Winkler. Zukunftshoffnung legt er diesbezüglich in die vertikale Mobilität. "Es muss möglich werden, einen Bachelor in einem Land und den Master in einem anderen zu absolvieren."
Ziele aus dem Blick verloren
Als wichtigste Herausforderungen für das nächste Jahrzehnt nennt der Bericht die bessere Kommunikation der Reformen und ihrer Ziele, Fortschritte in der geplanten Umsetzung und die Weiterentwicklung innovativer Bildungskonzepte. Nötig sei eine Zusatzfinanzierung auf nationaler Ebene. "Die meiste Kritik, die in der Öffentlichkeit an Bologna laut wird, geht nicht auf die Reform selbst, sondern auf die fehlende Finanzierung zurück. In Skandinavien, wo das Universitätswesens gut finanziert wird, ist Bologna kaum in Diskussion."
Sursock mahnt, das Ziel des Bologna-Prozesses nicht aus den Augen zu verlieren. "Vielerorts hat man sich in der Bürokratie seiner technischen Umsetzung verloren." Es liege nun an den Universitäten und an der Politik, ihre Strategien anhand der Ergebnisse des Zwischenberichts zu überprüfen, damit Weiterentwicklung geschehe. "Einen Weg zurück gibt es nicht", so die Bildungsexpertin gegenüber pressetext.
(Ende)