Gütersloh/Bonn (pte/29.01.2010/06:15) - Der Gang zum Nachhilfeunterricht ist für viele Schüler nicht mehr Ausnahme, sondern gehört zum Schulunterricht dazu. 1,1 Mio. Schüler nehmen allein in Deutschland regelmäßig private Nachhilfe, wofür ihre Eltern insgesamt jährlich 1,5 Mrd. Euro bezahlen. Das besagt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung http://www.bertelsmann-stiftung.de . "Diese Häufigkeit zeigt, dass viele Eltern mit dem Schulsystem unzufrieden sind. Problematisch ist dabei, dass dadurch die Schulchancen stark von der Vermögenssituation abhängen", so Bertelsmann-Sprecherin Antje Funcke im pressetext-Interview.
Schon jeder siebte Zehnjährige geht zur Nachhilfe
Genaue Nachfragezahlen gibt es nicht, da Nachhilfe vor allem in privaten Institutionen durchgeführt wird. Die Forscher kombinierten Ergebnisse aus mehreren Untersuchungen - namentlich die PISA-Studie, die IGLU-Leseerhebung sowie eine weitere Befragung bei Kindern und Jugendlichen - um zu Aussagen zu gelangen. Es zeigte sich, dass bereits jeder siebte Viertklassler Nachhilfe im Fach Deutsch bekommt. Im Europavergleich gehen Schüler in Deutschland deutlich öfter zur Mathe-Nachhilfe als in Österreich, am weitesten verbreitet ist Nachhilfe allerdings in Griechenland, Portugal und Spanien.
Ein Problem sei die hohe Zahl der Nachhilfeschüler vor allem deshalb, da dadurch Benachteiligungen entstehen. "Finanzstarke Eltern können ihrem Kind die Nachhilfe bezahlen, für andere ist das nicht möglich. Wenn das Ziel lautet, schulische Chancengleichheit zu schaffen, so müsste Nachhilfe überflüssig werden", betont Funke. Möglich sei dies am ehesten, wenn die individuelle Förderung, die die Nachhilfe leistet, in der Schule verstärkt wird. In Ländern, wo dies gelinge, beanspruchen Schüler auch viel weniger Nachhilfe. "Das ist etwa in Kanada im Schuldistrikt Toronto der Fall, wo es ein Schulkonzept für jedes einzelne Kind gibt."
Problemlöser von Schule und Gesellschaft
Andrea Heiliger vom Verband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen http://www.nachhilfeschulen.org gibt an, dass Schüler am öftesten wegen Mathematik zur Nachhilfe kommen. "Dahinter liegt Deutsch, das in der Schule immer häufiger Probleme bereitet, während Englisch seltener als früher in Anspruch genommen wird. Der Rest betrifft weitere Fremdsprachen", so die Verbandssprecherin im pressetext-Interview. Die meiste Nachfrage bestehe ab der siebten Schulstufe. "Das hat einerseits mit der Pubertät, andererseits mit dem steigenden Lerndruck zu tun. Doch zunehmend geht man auch am Ende der Grundschule zur Nachhilfe, um den Sprung in die neue Schule mit einer Empfehlung zu schaffen."
Es komme nicht von ungefähr, dass Eltern gerade beim Schulwechsel des Kindes auf Hilfe von außen setzen. "Ändert sich die Schulform oder wird die Schule wie etwa jetzt gerade umgestaltet, verunsichert das die Eltern. Zudem gibt es immer weniger Lehrer und die Klassenschülerzahl steigt, wodurch die individuelle Förderung in der Schule schwieriger wird. Diese Lücke kann der Nachhilfeunterricht schließen", so Heiliger. Daneben deute der Trend zu mehr privater Nachhilfe auch auf ein weiteres Gesellschaftsproblem. "Früher nahmen sich die Eltern Zeit, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen oder zu üben. Heute sind sie meist beide berufstätig", erklärt die Verbandssprecherin.
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