Glasgow (pte/12.04.2010/06:10) - So schön es in der Regel auch ist, entfernte Verwandte auszukundschaften - das Stammbaumforschen hat manchmal auch seine dunkle Seite. Britische Soziologen berichten auf ihrer Jahrestagung in Glasgow http://www.britsoc.co.uk , dass sich rund jeder siebte Familienforscher Konflikte einhandelt. Manchmal tun sich sogar Gräben in Familien auf, weshalb die Forscher den Vergleich mit der "Büchse der Pandora" bemühen.
Glück und Zwist möglich
Anne-Marie Kramer von der Universität Warwick http://www2.warwick.ac.uk wertete dazu eine Massenstudie aus, bei der Menschen freiwillig über längere Zeit Tagebuch führten. Speziell interessierte sie sich für die 224 Teilnehmer, die Stammbaumforschung für sich oder Verwandte betrieben. In den meisten Fällen waren die Rückmeldungen äußerst positiv. "Man freut sich über neue Entdeckungen, kann Familienmythen und -geheimnisse genauer nachgehen und macht das Bild von Ahnen realer, indem man mehr über ihr Leben erfährt", so die Forscherin. Manchmal konnten dadurch sogar familiäre Streitigkeiten belegt werden.
Durchwegs positiv waren die Erfahrungen jedoch nicht. 30 Menschen berichteten von Konflikten, vor allem wenn unerwünschte Information aufgedeckt wurde, wenn angefragte Verwandte nicht auskunftsbereit waren und wenn bewusste Falschangaben gemacht wurden. Die Erstellung des Stammbaums kann zum Kontakt mit verfeindeten Verwandten führen - und schließlich verbringen manche Menschen mehr Zeit für die Ahnenforschung als für ihre lebenden Angehörigen.
Verheimlichte Vaterschaften
Zudem bringt die Forschung mitunter auch brisante Details ans Tageslicht. Kramer erwähnt etwa verheimlichte Vaterschaften, uneheliche Kinder, Hochzeiten knapp vor Geburtsterminen oder auch Verbrechen, Angaben zur körperlichen oder geistigen Gesundheit oder eine Abstammung aus bescheidenen Verhältnissen, die zuvor verschwiegen war. "Die Gräben begrenzen sich nicht immer auf die historische Vergangenheit. Verbitterung und Ärger gegenüber Geschwistern oder Eltern können die Folge sein, wenn bestimmte Informationen versteckt wurden."
Generell sieht Kramer einen Boom der Familienforschung. "Man hat heute einen zuvor nie dagewesenen, freien Zugang zu historischen Aufzeichnungen in Archiven, sowohl in materieller als auch in digitaler Form. Dazu kommen die genealogischen Social Networks im Internet, die die Veröffentlichung virtueller Familienstammbäume vereinfacht. Das Auffinden von lange verschollenen Cousins ist somit viel leichter geworden." Mitverantwortlich für die Popularität seien auch die Medien, die Stammbaum-Geschichten von Prominenten liefern - in England erreicht etwa die Show "Who do you think you are" über fünf Mio. Zuseher.
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